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Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Samstag, den 03. September 2011 um 10:40 Uhr

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

nach dem Abitur folgt die Einschreibung an der Universität.

Am Abend kam mein Vater nach Hause und hat sich erkundigt, was ich denn nun studieren werde.

 

Ich sag, evangelische Theologie.

Den Blick vergess ich nie, wie er mich angeschaut hat.

 

Hat Sie schonmal jemand für verrückt erklärt?

 

Ich meine nicht so kleine Szenen im Straßenverkehr, wo einem jemand den Vogel zeigt, sondern dass Menschen, die Sie schätzen und lieben, jedes Verständnis abgeht für eine Entscheidung von Ihnen? Dass Ihre Mitmenschen wild entschlossen sind, Sie von Ihrem Standpunkt abzubringen, um jeden Preis?

 

Manche Katholiken erleben solches Unverständnis von der Familie, wenn sie sich für ein Leben im Kloster entscheiden oder für den Weg als Priester.

 

Oder der häusliche Widerstand ist besonders groß, wenn die Partnerwahl recht spektakulär ist, wenn die Eltern überzeugt sind, das ist jetzt aber garantiert der falsche Partner, die falsche Partnerin.

 

Jesus hat diese Erfahrung gemacht, für verrückt gehalten zu werden, nachdem er einige Zeit öffentlich gewirkt hat. Weil er Sünden vergeben hat, obwohl das doch nur Gott kann. Weil er mit Zöllnern und Sündern engen Umgang hatte, an einem Tisch gesessen und gegessen hat. Weil seine Jünger die diversen Vorschriften zur Reinheit und zum Fasten nicht gehalten haben. Weil er den Sabbat nicht gehalten, sondern geheilt hat oder die Jünger Ähren gezupft und die Körner gegessen haben.

 

Es wäre ja denkbar gewesen, dass Jesus alle diese Dinge aus strategischen Gründen berücksichtigt und beachtet denn wenn die Leute keinen Anstoß an ihm nehmen, dann glauben sie ihm vielleicht eher. Dann spricht schon der äußere Schein für ihn.

 

Aber gerade im Markusevangelium wird Jesus anders beschrieben.

Da spricht schon äußerlich alles gegen ihn,

die Pharisäer akzeptieren ihn nicht, die Familie hält ihn für verrückt, große Zeichen und Wunder tut er nicht und wenn, dann nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit: "Er gebot ihnen, mit niemandem drüber zu reden" heißt es dann oft;

 

bei Markus kämpft in der Erdenzeit Jesu die Kraft Gottes gegen den Satan, aber sie tut es im Verborgenen. und Jesus ist damit auch einverstanden. Dass er der Messias ist, das ist ein Geheimnis. Das soll erst offensichtlich werden, wenn er gekreuzigt wurde, weil es die Leute vorher ja doch falsch verstehen würden und damit wäre seine Sendung und sein Auftrag in Gefahr.

 

Sie wissen alle, wie die Pharisäer über Jesus geredet haben, die respektablen, gebildeten Schriftgelehrten. Das hat ja eine enorme Wirkung auf die einfachen Leute.

 

Und man kann sich das kaum drastisch genug vorstellen:

die Pharisäer sagen, der ist vom Satan besessen.

Das ist das niederschmetterndste Urteil, das sie fällen können, von der Gewichtigkeit her vergleichbar vielleicht mit einem psychiatrischen Gerichtsgutachten - und jetzt kommt die Familie, die Herkunftsfamilie, und das war kein Freunschaftsbesuch.

 

Die Aufgabe der Familie ist es, dieses ihr verrückt gewordenes Mitglied aus dem Verkehr zu ziehen. Damit er für sich und für andere keine Gefahr mehr darstellt.

 

Die Familie hat da noch einen rechtlich gravierenderen Stand, sie sind von der Strukur her eine Art vorstaatlicher Ordnungsmacht.

 

Und die kommen auf Jesus zu - und er erkennt sie nicht an.

Wischt ihre Worte weg, "wer sind meine Brüder und meine Mutter?"

Er leugnet diese Struktur der vorstaatlichen Ordnungsmacht -

 

Das ist kriminell.

 

Jesus muß ein unglaubliches Charisma gehabt haben, aber nicht so süßlich und vor allem nicht so eindeutig und harmlos wie in vielen Filmen oder auf Bildern. Das muß eine irrationale Ausstrahlungskraft gewesen sein, die hat seine Anhänger fasziniert - und seine Gegner irritiert.

 

In unserem Bibelwort aus dem Markusevangelium heute geht es nicht darum, wie man mit seiner Familie umgehen soll. Dass man sie am besten einfach beiseiteschiebt und auf alle Bindungen pfeift. Im Gegenteil; später finden sich ja auch Brüder von Jesus und seine Mutter im Kreis der Urgemeinde, hier geht es nicht um einen Bruch mit der Herkunftsfamilie.

 

Der Ausspruch von Jesus dient auch nicht der Entlastung, dass sich eh jeder seine Mitmenschen aussuchen kann im Sinne der Wahlverwandtschaft, dass man nur denen verpflichtet wäre, die die eigene Meinung und die eigenen Ansichten teilen.

 

Aber es geht um die Zuordnung: nicht die Familie entscheidet, wer zu Jesus gehört, nicht die Kirchenzugehörigkeit, noch nicht einmal die Taufe - sondern nur, wer Gottes Willen tut.

 

Die Frage wird nochmal behandelt in der Geschichte vom barmherzigen Samariter. "Wer ist mein Nächster?", hat da einer Jesus gefragt, "wem gilt das Liebesgebot? wen muß ich lieben, weil das das Gebot Gottes von mir fordert?" Und Jesus erzählt daraufhin die Geschichte von dem, der unter die Räuber fällt - denn lieben muß der dann nicht den Priester und nicht den Leviten, die vorbeigegangen sind, sondern den, der ihm geholfen hat, und wenn es ein Wildfremder ist, der von Gott noch nie etwas gehört hat oder einen anderen Gott anbetet als der Verletzte selber. Dennoch ist sein Retter jetzt sein Nächster. Denn er hat Gottes Willen getan.

 

Stellen wir uns diese Menschenmenge vor, die da um Jesus saß.

Sie hatten sicher sehr unterschiedliche Motive, warum sie ihm gefolgt sind.

Die einen aus Neugier. Die zweiten aus Not, sie brauchten Heilung. Die dritten vielleicht aus religiösem Interesse. Die vierten haben Anschluss gesucht, Gesellschaft, Gemeinschaft zu anderen, waren sonst vielleicht allein.

 

Was vermuten Sie - wie beurteilt Jesus diese Motive ? Gibt es welche, die waren ihm irgendwie lieber als andere?

 

Was sind Ihre Motive, sich mit Jesus zu befassen? was treibt Sie hierher, am Sonntagmorgen? Wie findet Jesus diese Motive, was glauben Sie?

 

Kaum einer wird bei uns für verrückt erklärt, nur weil er am Sonntagmorgen einmal in die Kirche geht. Oder Kirchenmitglied ist. Im Gegenteil: "Religion muss sein, darf sein" - aber: sie soll die Normalität halt nicht stören.

 

Das geht schon mit der Frage nach dem Gottesdienst los. Es gibt Konfirmandenfamilien, denen will nicht einleuchten, warum der Kirchgang der verbindlich in die Konfirmationsvorbereitung gehört. Denn am Sonntagvormittag ist doch auch noch Sport, und dann muss man ausschlafen, und dann sind da noch die Hausaufgaben.

 

Ist das mit dem Gottesdienst denn wirklich so wichtig? Ist überhaupt das mit dem lieben Gott so wichtig?

 

In Vorbereitungsgesprächen zu Taufen, Hochzeiten oder zu Beerdigungen höre ich das auch: es soll persönlich sein und feierlich und würdevoll - und das mit dem lieben Gott - mei, es wird sich nicht vermeiden, nicht ganz ausblenden lassen, aber es steht nicht im Zentrum.

 

Vorweihnachtszeit, Christkindlmarkt am Ewigkeitssonntag, überhaupt die Geschäftsruhe an den Sonntagen - da stört die Kirche die Normalität, und da wünschen sich viele wesentlich mehr Großzügigkeit und Liberalität.

 

Auch das geht mir durch den Kopf, wenn ich hier von Jesus höre, wie er seine eigene Familie wegschickt und sagt: Familienbande hin oder her - wichtig ist doch nur, wer Gottes Willen tut. Und wenn sie mich für verrückt erklären - aber das und nur das hat für mich erstmal höchste Priorität.

 

Man kann deshalb nicht sagen: die Leute erklären mich für verrückt, wunderbar, dann bin ich wahrscheinlich besonders berufen. Nicht alles, was verrückt ist, ist auch automatisch Gottes Wille.

 

Aber die Bibelstelle heute schärft uns ein, wie wichtig es ist, zu fragen, was den Gottes Wille ist; die einen haben das - so meint man - recht gut im Gefühl, die zweiten kommen dem auf die Spur im Gespräch mit anderen, und es bleibt unerlässlich, sich auch in der Schrift auf die Suche zu machen.

 

Denn bestimmt wird uns Gott immer nur etwas als seinen Willen zeigen, wenn das auch der Schrift entspricht. Wenn ich etwas unbedingt wünsche, aber ehrlicherweise muss ich sagen: der Schrift entspricht es nicht! - dann muss und kann ich davon ausgehen, dass es dann auch nicht Gottes Wille ist.

 

Stellen Sie sich nochmal die Menschenmenge vor, die um Jesus sitzt, als seine Mutter und die Geschwister zu ihm kommen. Phantasieren Sie einmal sich selbst in dieses Bild hinein: wo sitzen oder stehen Sie?

 

Gehören Sie zu seinen Jüngern, die ihn in die Einsamkeit begleiten?

Gehören Sie zu seiner Familie, die ihn immer wieder einfach nicht versteht?

Gehören Sie zu denen, die ihm nachlaufen, einfach so, weil er das gewisse Etwas hat?

oder zu denen, die ihm voller Neugier und Interesse folgen, weil sie hören möchten, was er sagt, um das Leben danach auszurichten?

 

"Wer den Willen meines Vaters tut, der ist für mich Mutter und Schwester und Bruder; "

sicher sind da auch Menschen dabei, auf die niemand gekommen wäre -

und es fehlen andere, von denen hätte man es selbstverständlich und sicher erwartet.

 

Überlegen Sie auch einmal,

wie Sie Ihr Verhältnis zu Jesus in dem Bild mit der Verwandtschaft ausdrücken könnten. Wer ist Jesus für Sie: Bruder? Väterlicher Freund? oder doch mehr ein entfernterer Verwandter?

 

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

 

 

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