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Predigten
Gott ist gegenwärtig! Predigt von Prädikant Schöttl PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, den 01. Februar 2012 um 18:19 Uhr

Offenbarung 1, 9-18

Liebe Gemeinde,

haben Sie um Silvester herum auch die Jahresrückblicke im Fernsehen angeschaut? Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht – ich frage mich da immer: In was für Zeiten leben wir eigentlich?

Ich meine das jetzt nicht im Sinne von Parolen wie „Früher war alles anders!“ – was ja auch stimmt – oder – als Steigerung – „Früher war alles besser!“ – was definitiv nicht stimmt.

Ich meine es eher als Frage, wie man in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren über die heutige Zeit denken wird. Wenn man das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends in Deutschland einmal charakterisieren wird - über was wird man schreiben? Über fast 70 Jahre Frieden in unserem Land? Über enormen Wohlstand trotz mancher sozialer Probleme? Über eine Zeit größter Freiheit und Toleranz in Sachen Religion, Weltanschauung und Lebensentwürfen? Ja, in was für Zeiten leben wir eigentlich? Jetzt und heute? Das alles ist nicht leicht zu beurteilen, wenn man mittendrin steckt, mittendrin lebt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich bei uns in der Rückschau oft die vergangenen Zeiten verklären und besser darstellen, als sie wirklich waren.

In einer Zeit, die ganz anders, keineswegs besser und doch auch wieder ähnlich der unsrigen war, von der uns gut 1.900 Jahre trennen und die auch räumlich ein ganz anderes Aussehen hat als die uns vertraute Welt in München und Oberbayern, entstand das letzte Buch der Bibel: die Offenbarung. Aus ihr stammt unser heutiger Predigttext.

Es war wohl der Anfang des zweiten Jahrhunderts nach Christus. Der ganze Mittelmeerraum, der immerhin aus drei Kontinenten und einer Vielzahl von Kulturen besteht, wurde damals von einer einzigen politischen Macht zusammengehalten und beherrscht – vom römischen Kaiser. Kein anderes Reich hatte es bis dahin fertiggebracht, so viele unterschiedliche Völker, Sprachen und Kulturen unter einer Herrschaft zu vereinen. Der Römische Frieden – „Pax Romana“ – beinhaltete ein hohes Maß an Toleranz gegenüber den vielen Volksgruppen. Sie behielten ihre Sprache, wirtschafteten selbst, hatten ihre eigene Religion und Gesetzgebung. Bedingung war lediglich: Römisches Recht war zu achten, römische Steuern waren zu entrichten, und der römische Kaiser war als Herrscher der Welt mehr als alle Götter zu verehren.

Eigentlich wäre es eine gute Zeit gewesen für die wachsende Gemeinde der Christen, sich in aller Stille auszubreiten, wenn da nicht das Bekenntnis ihres Glaubens gewesen wäre, wonach allein Jesus Christus als Herr der Welt anzusehen und zu verehren sei. Jesus von Nazareth, von den Römern wegen eines angeblichen Herrschaftsanspruchs als Verbrecher ans Kreuz geschlagen und erbärmlich verblutet. Diesen Gescheiterten verehrten die Christen nun als König und Herrn über alles. Da, wo aber die Verehrung des Kaisers als Gott, als „Kyrios“, abgelehnt wurde, da war auch die innere Stabilität gefährdet. Das war den Römern klar. Und so kam es gegen Ende des ersten Jahrhunderts unter Kaiser Domician erstmalig zu einer systematischen Verfolgung der Gemeinde. Terroraktionen gegen christliche Versammlungen im Reich sollten die Christen verängstigen. Vorsteher wurden gefoltert oder sogar hingerichtet oder durch Verbannung unschädlich gemacht.

So war es auch Johannes ergangen, einem Prediger, der in sieben kleinasiatischen Gemeinden tätig war. Auf die kleine Felseninsel Patmos war er gebracht worden, wo er aber nicht untätig blieb. An seine in Bedrängnis geratenen Gemeinden schreibt er einen langen Brief, die Offenbarung, um ihnen Mut zu machen, am Glauben festzuhalten und sich zu bewähren.

In vielen verschlüsselten Bildern, die immer wieder Grund für Endzeitspekulationen gegeben haben und als „Apokalypse“ oft zur Angstmacherei missbraucht wurden, schildert er, was ihm vor Augen gestellt wurde.

Predigttext:

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der

Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.

Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.

Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Am Tag des Herrn, dem Sonntag, dem Auferstehungstag, an dem sich die christlichen Gemeinden im ganzen Land versammeln und sich der einsame Johannes mit ihnen in seiner Sehnsucht besonders verbunden weiß, hört er die Worte: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Schöne Worte, aber was brachte es? Was bringt es Gemeinden, die um ihre Existenz bangen und fürchten, morgen aufgelöst und zerschlagen zu werden, wenn sie von Jesus als dem Ersten und dem Letzten hören? Was bringen diese Worte des lebendigen Christus den Gemeindegliedern, die Angst haben, schwach zu werden, in der Verfolgung nicht zu bestehen und von dem Auferstandenen nichts zu spüren? Und was hilft es Johannes, zu wissen, dass Christus die Schlüssel des Todes und der Hölle hat, wenn es keinen Schlüssel zu geben scheint, der ihn aus der Verbannung befreit und wieder mit den Seinen vereint? Was bringt´s?

Vielleicht auf den ersten Blick nicht viel, aber dann…

Dann wird deutlich, dass Johannes hier etwas Einzigartiges gezeigt wird. Wie durch ein Fenster, das sich zum Himmel hin öffnet, sieht er das, was bei Gott schon Wirklichkeit ist. Deswegen ist das kein Phantasieren, kein Traum, keine innere Verzückung, keine Vision, die einem sehnsüchtigen Herzen entspringt, weil die Gegenwart so unerträglich geworden ist.

Nein, es ist Wirklichkeit! So, wie sich am Ostermorgen Maria Magdalena umdrehen muß, um den Auferstandenen zu erkennen, so muß sich Johannes hier umdrehen, um zu sehen, was bei Gott schon längst Tatsache ist.

Johannes wendet sich um, der Stimme zu, und sieht die Gemeinden so, wie sie im Licht Gottes gesehen werden: nicht kleine Häuflein von mutlosen Christen, sondern - so unscheinbar und schwach und gefährdet sie auch wirken mögen: In Gottes Augen sind sie sieben goldene Leuchter, wertvoll, unvergänglich, standhaft, die der ganzen Welt vom Auferstehungslicht künden – einem Licht, das bis in unsere Gegenwart strahlt. Denn was wäre die Christenheit heute ohne das leuchtende Zeugnis der Christen von damals? Unsere ganze Kultur, unsere Zivilisation, unsere Werteordnung wäre gar nicht denkbar, wenn sich die Christen damals unter dem Druck der Römer verkrümelt hätten, wenn sie nicht standhaft das Licht weitergegeben hätten, das sie empfangen hatten.

Dieses offene Fenster muss ihnen eine enorme Kraftquelle gewesen sein, so dass sie das, was Johannes beschrieb, für wirklicher hielten, als alle Gefahr, die von der römischen Justiz ausging.

Und dann kommt er selbst, der ihnen den Rücken gestärkt hat, in den Blick: eine Gestalt wie ein

Mensch, aber eben zugleich viel mehr. Eine Gestalt in göttlichem Glanz – gekleidet wie ein

Herrscher…mit Augen wie Feuer, die alles Dunkel durchdringen und Licht und Wärme

verbreiten…auf Füßen, die durchs Feuer gehen und pure Kraft verkörpern, denn durch nichts und niemanden kann er aufgehalten werden…seine Stimme wie ein großes Wasserrauschen, weil sie unerschöpflich durch die Zeiten und die Kontinente dringt und durch niemanden zum Verstummen gebracht werden kann.

Sieben Sterne hat er in der Hand: Symbole für die sieben Gemeinden.

Auf Münzen der damaligen Zeit wird der römische Kaiser dargestellt mit dem Siebengestirn in der Hand als Herrscher des Alls. Aber nicht der Kaiser ist der Allherrscher, so sieht es Johannes. Wahrheit und Wirklichkeit ist: Christus ist der Herr des Alls und der Zeit. Das ist die Botschaft der Offenbarung. Davon lebt die Gemeinde: Daß Christus sie wie Schmuckstücke behutsam in seiner Rechten hat. In aller Verfolgung, aller Angst, werden sie von ihm gehalten und getragen.

Aber er hält und trägt sie nicht nur, er hilft ihnen auch, den Überblick zu behalten. Johannes beschreibt es mit den Worten vom Mund Christi, aus dem ein scharfes, zweischneidiges Schwert geht: Es trennt, es scheidet, es unterscheidet zwischen Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht, Gut und Böse. Damit Christen den Überblick behalten und standhaft bleiben – gegen Anfechtungen und Anfeindungen von innen wie von außen.

Jesus erscheint hier nicht als niedliches Baby im Stall, so wie wir es vor wenigen Wochen

gefeiert haben, oder als sterbender Mann am Kreuz. Auch nicht als guter Hirte mit langem

Haar, sanftem Blick und einem Schaf auf den Schultern, wie es früher oft dargestellt wurde.

Nein, er erscheint als der, der er wirklich ist: Der siegreiche König der Könige, der Herr über Himmel und Erde, über Leben und Tod.

Diese Vision – oder besser gesagt diese Begegnung mit dem auferstandenen Christus hat Johannes im wahrsten Sinn des Wortes umgehauen. „Ich fiel zu seinen Füßen wie tot“ schreibt er. Damit wird deutlich: Die Begegnung mit dem auferstanden Herrn ist nicht so, wie wenn wir beim Einkaufen einen Nachbarn auf der Straße treffen und sagen „Ach, hallo – schön Sie zu sehen. Wie geht’s so?“ oder bei Euch Konfirmanden, wo es in der Schule heißt „Hey Allda, was geht ab?“. Nein. „Hilf mir, ich vergehe“ so heißt es bei den Propheten im Alten Testament, weil sie wissen, dass niemand den lebendigen Gott sehen kann. Aber Jesus spricht zu Johannes „Fürchte dich nicht“, er legt seine Hand auf ihn und richtet ihn wieder auf. Dieses „Fürchte dich nicht“, das hat ihn in der Einsamkeit seiner Verbannung getröstet und den Gemeinden in der Verfolgung Kraft und Mut gegeben, durchzuhalten. Damals, vor 1.900 Jahren, als die Zeiten anders, aber keineswegs besser waren.

Und wir heute? In was für einer Zeit leben wir eigentlich?

Auch wenn bei uns Ruhe und Friede herrschen, dürfen wir nicht übersehen, dass nach wie vor in vielen Ländern der Erde Christen wegen ihres Glaubens unterdrückt, verfolgt, gefoltert und getötet werden. Meldungen von Brandanschlägen auf Kirchen wie jetzt an Weihnachten in Nigeria sind da nur die Spitze des Eisberges. Diese Glaubensgeschwister brauchen unser Gebet, unsere Fürbitte und unsere finanzielle Unterstützung – und sie brauchen Visionäre wie den Johannes, die ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind, dass sie trotz ihrer Schwachheit wichtig sind und ihr Leiden nicht umsonst ist.

Solche Visionäre sind z.B. die christlichen Menschenrechtsorganisationen wie CSI oder Open Doors, deren Mitarbeiter oft unter Einsatz ihres Lebens den verfolgten Christen beistehen, Untergrundkirchen mit Bibeln versorgen oder im Sudan versklavte Christen mit erheblichen finanziellen Mitteln freikaufen.

Bei uns hier in Deutschland und Europa wird niemand wegen seines Glaubens verfolgt oder gar versklavt – Gott sei Dank! Vor 25 Jahren sah das im Osten unseres Landes noch anders aus. Ich weiß, dass viele hier in der Gemeinde aus Siebenbürgen stammen – sie wissen ein Lied davon zu singen, was es bedeutet, seinen Glauben unter kommunistischer Herrschaft zu leben. Und der Holocaust-Gedenktag am vergangenen Freitag hat uns daran erinnert, wie es damals war, zwischen 1933 und 1945, als in unserem Land Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und umgebracht wurden. Wir sind heute nicht mehr gezwungen, uns für den Kaiser, den Führer oder eine bestimmte Ideologie zu entscheiden. Aber trotzdem ist unsere Entscheidung gefragt – und die fällt uns oft schwer. Es gehört Mut dazu, Christsein auch ausserhalb der Kirchenmauern zu leben, sich im Alltag zu christlichen Werten und Überzeugungen zu bekennen und damit

gegen den Trend, gegen den Strom zu schwimmen. Die heutigen Götter heißen Wohlstand und Geld, Sex und Körperkult und neben der vorherrschenden religiösen Gleichgültigkeit – und mit ihr manchmal seltsam vermischt – schwappt nach wie vor eine enorme esoterische Welle über unser Land.

Die Kirche profitiert kaum von diesem neuerwachten Interesse am Übersinnlichen. Die Kirchenaustrittszahlen sind nach wie vor hoch. Angesichts schrumpfender Gemeinden – und damit verbunden geringerer finanzieller Mittel – ist es nicht verwunderlich, wenn viele resignieren und mutlos werden.

Waren die Zeiten früher vielleicht doch besser?

Als die Jünger mit Jesus auf dem Berg der Verklärung waren, wollten sie dort oben bleiben, weil sie von dem, was sie gesehen und erlebt hatten, so fasziniert waren. Aber sie mussten wieder hinunter, in die raue Wirklichkeit ihres Lebens. Trotzdem hat das Erlebnis auf dem Berg ihnen Kraft gegeben.

Die Verbannung auf Patmos und die Verfolgung der Gemeinde – sie waren nicht vorbei, nachdem Christus dem Johannes erschienen war. Ganz im Gegenteil. Aber diese Begegnung hatte eine solche Macht, dass alle Bedrängnisse und Widerwärtigkeiten überwunden werden konnten.

Wie ist das mit uns heute? Wo können wir heute Jesus begegnen? Wo können wir auftanken und Kraft schöpfen, wenn wir mutlos und schwach geworden sind? Wo werden wir wieder aufgerichtet? Der Gottesdienst an jedem Sonntag ist eine solche Kraftquelle. Das ist ja nicht nur irgendeine Veranstaltung, wo man sich trifft, einer möglichst lange redet und schöne Musik gespielt wird. Nein: hier ist der Ort, wo wir dem auferstandenen Christus begegnen und uns vom ihm aufrichten und stärken lassen können für unseren Alltag – so, wie damals Johannes auf Patmos.

Die Osterkerze hier in der Kirche ist mehr als nur ein Raumschmuck oder irgendein Symbol: Sie ist das Zeichen dafür, dass der auferstandene Herr mit seiner Kraft und Macht unter uns gegenwärtig ist.

Und sie ist das Zeichen dafür, dass - auch wenn die Zeiten sich ändern – seine Zusage gilt: „Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige!“

 
Es kann ja nicht schaden! 2 Kön 5, 9-15 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Samstag, den 21. Januar 2012 um 14:57 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

 

Niels Bohr war ein Physiker.

Ich hab mich gewundert zu hören, dass er ein Hufeisen über der Tür hängen gehabt haben sollte; ein Physiker glaubt dran, dass es Glück bringt, ein Hufeisen über die Tür zu hängen?

 

Auch Zeitgenossen von ihm haben sich gewundert.

Sie haben ihn drauf angesprochen.

 

Und er soll geantwortet haben:

Ich hab gehört, dass es auch dann was hilft, wenn man nicht dran glaubt.

 

Vielleicht hat Niels Bohr diese Bibelgeschichte von heute gekannt - von dem großen Heerführer, reich, erfolgreich, angesehen, der verzweifelt über seiner Hautkrankheit -

 

der auch verzweifelt, weil man ihm bei seiner Reise ins Feindesland auf der Suche nach Heilung zunächst beim König und später beim Propheten mit Feindseligkeit begegnet, mit Missverständnissen und mit unglaublicher Unhöflichkeit.

 

Der Mann muss getobt haben vor Zorn,

aber er blieb in all seiner Wut offen für das, was ihm seine Diener sagen.

 

Er hat nicht verlernt, "nach unten" zu hören.

Auf das zu achten und ernst zu nehmen, was einfache Menschen sagen,

Menschen, die ganz sicher nichts von Politik verstehen und nichts von Medizin -

 

und trotzdem hört Naaman auf ihren Rat.

 

An zwei entscheidenden Stellen.

 

Dass er überhaupt aufbricht, verdankt er der Kammerzofe seiner Frau, einem jungen Mädchen aus Israel; die ist von den Aramäern verschleppt worden, wurde bei ihm als Gefangene, als Leibeigene vielleicht sogar gehalten

 

- doch als die ihm den Tipp gibt, über Umwege: "bei uns daheim in Samaria, da gibts einen Propheten, der könnt ihn heilen!" - da packt der glatt seine Sachen und bricht auf, mit Ross und Wagen, mit Geld und Geschenken.

 

Und viel später, als der Naaman schon wieder wutschnaubend auf dem Heimweg ist, weil der Prophet so einen banalen Rat hat ausrichten lassen: wasch dich halt siebenmal im Jordan!, da hört er wieder auf einen Diener.

 

Der ihn erst toben lässt und dann vorsichtig anmerkt: "Du, wenn dir der Prophet geraten hätte, dass du was unglaublich umständliches und kompliziertes machst, dann hättest du es doch bestimmt getan. Er hat dir nur dieses simple Bad im Jordan empfohlen. Probier es halt wenigstens aus. Es kann doch nicht schaden."

 

Und Naaman hört das - und sagt sich: der hat eigentlich recht.

Das ist kein Staatsmann, kein Prophet, kein Heeresführer, nichts, nur ein schlichter Diener - aber wo er recht hat, hat er recht.

 

Es schadet ja nichts - und vielleicht hilft es sogar, wenn man nicht dran glaubt.

 

Und es hilft.

 

Hier ist einem großen Heerführer, einem wichtigen Prominenten geholfen worden durch einen kleinen Diener, durch ein junges Mädchen, durch einen simplen Tipp -

 

vielleicht darf ich hier auch noch einmal anknüpfen an die Predigt vom letzten Sonntag.

 

Da sprach ich vom "Kleingeld des Glaubens",

der scheinbar harmlosen, scheinbar banalen einzelnen kleinen Münze des großen Glaubens an den Herrn der Welt - sie war Naamans Rettung.

 

Unser großer Gott, er wird gern unterschätzt; er zeigt sich gern im scheinbar Kleinen, im Unscheinbaren, im Geringen,

 

und vielen von uns fällt es manchmal schwer, wenn wir aushalten müssen, wie weit es oft nach unten geht.

 

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist Altbürgermeister Karl gestorben,

viele von Ihnen haben ihn geschätzt, vielleicht auch sehr verehrt.

 

Am Ende saß er im Pflegeheim genauso mit am Tisch wie alle anderen, mit den blaukarierten großen Lätzchen und im Rollstuhl, krank und hilfsbedürftig.

 

Da ist Gott am nächsten.

 

Und die Zeichen seiner Gnade, sie sind scheinbar fast banal.

Brot und Wein.

Drei Handvoll Wasser.

 

Wer selbst schon krank gewesen ist oder einen Schwerkranken begleitet hat, der weiß, die wichtigste Hilfe ist ganz oft scheinbar banal: ein Lächeln. Fünf Minuten Zeit. Ein Händedruck. Ein gutes Wort.

 

Gar kein großer Zauber, gar kein riesiges Brimborium - die kleine Münze der Nächstenliebe.

 

Und bei Naaman war es siebenmal untertauchen im Jordan.

 

Und er war geheilt.

 

Dabei dürfte er noch auf seinem Weg ins Wasser, noch beim Untertauchen Nummer eins bis sechs ein Skeptiker gewesen sein. Der hat sich wohl gedacht, es kann nicht schaden -

 

aber eher ging es darum, es halt auszuprobieren, ohne große Hoffnungen und Erwartungen, und vor allem, ohne dass er vorher für sich zu dem Schluss gekommen gewesen wäre: das ist der richtige Gott, dem vertrau ich mich jetzt an, und wenn mein Glaube groß genug ist, dann wird er mich retten. Wird mich heilen.

 

Andersrum!

 

Naaman hat den Glauben sozusagen ausprobiert.

Ausprobiert, ob es funktioniert.

Ist damit ins Wasser gestiegen und untergetaucht, wieder und wieder,

immer in der Freiheit: wenn es nicht funktioniert, dann will ich mit diesem Gott der Israeliten auch in Zukunft nichts zu tun haben.

 

Auch ein Grund, warum ich Jugendliche, Konfirmanden, aber auch andere Menschen auf der Suche immer ermuntern möchte, in den Gottesdienst zu gehen. Probieren wir den Glauben einfach aus!

 

Prüfen ihn auf Herzen und Nieren, ob er uns einleuchtet, ob es funktioniert, dass er Halt geben kann im Leben und Hoffnung und ein Zuhause für die Seele. Und wenns nicht funktioniert, lässt er sich auch wieder ablegen und beiseitelegen.

 

Vielleicht nur für einige Zeit bis zu einem neuen Versuche, vielleicht auch für immer.

 

Aber jedenfalls muss man sich nicht mit Haut und Haaren ausliefern, wenn man nicht will - Gott ist kein Gefängniswärter, der jeden einsperrt und nie mehr weglässt, wenn er ihn einmal hat, sondern jedem lässt er immer die Freiheit, wieder zu gehen.

 

Nur eines funktioniert eben nicht: Man kann das Ausprobieren des Glaubens nicht delegieren.

 

Wenn man die eigenen Kinder oder die eigenen Eltern in die Kirche schickt, wird man davon nicht automatisch selber gläubig.

 

Stellvertretung hat funktioniert am Kreuz, Jesus starb für uns -

 

und auch für Ehepartner gibt es eine Stelle in der Bibel, die uns Hoffnung macht, dass wenn der eine gläubig ist, er auch den anderen mit heiligen, sozusagen mit hinaufnehmen kann in den Himmel. Aber alle anderen müssen selber ausprobieren.

 

Auch Naaman musste selber herunter vom Wagen, raus aus den staubigen Kleidern und in den Jordan eintauchen, den Jordan als Grenze zwischen den Ländern, als Fluss ein Symbol für die Grenze zwischen Tod und Leben -

 

so wie das Wasser der Taufe auch die Sintflut mit symbolisiert, den Tod, den der Täufling mit stirbt zusammen mit Christus, um auch mit Christus aufzutauchen und aufzuerstehen zum ewigen Leben.

 

Stellvertretend einen anderen schicken zur Taufe funktioniert nicht,

und stellvertretend einen anderen einmal den Glauben ausprobieren lassen funktioniert auch nicht. Dieser Irrglaube ist auch bei Evangelischen recht verbreitet.

 

Scherzhaft heisst es dann, Frau Pfarrer, sorgen Sie mal für schönes Wetter, Sie haben doch einen Draht nach oben; etwas ernsthafter gemeint ist die Beschwerde von manchem, der sagt, an meinem Geburtstag muss aber bitte die Pfarrerin selbst zu Besuch kommen, nicht nur ein Mitglied aus dem Besuchsdienst. Als ob es drauf ankäme, wer die Segenswünsche überbringt. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, wessen Segen es ist, und es ist Gottes Segen.

 

Genau das hat dem Naaman gerettet - dass er zwar indigniert war, dass ihn nur der Hausmeister in den Jordan geschickt hat und nicht der Prophet höchstpersönlich - aber am Ende ist das total egal, weil es funktioniert hat, weil es Gottes Heilung gewesen ist und nicht die des Königs und nicht die des Propheten.

 

Und auch nicht eine Heilung durch den Stand, den Status, den Dienstrang und das Geld des Heerführers Naaman. Man hätte ja meinen können, logisch wird so ein reicher und wichtiger Mann geheilt

 

- er hat ein Wahnsinnsvermögen dabei und eigentlich fast schon ein Anrecht darauf, dass man sich um ihn bemüht, diensteifrig um ihn herumspringt und ihn ein bißchen pflegt in seiner Krankheit.

 

Auch dieser Denkfehler passiert uns schnell, wenn wir etwas zu bieten haben - es seien Verdienste oder Reichtümer oder ein Amt, eine Würde.

 

Heiko Ernst hat gesagt, Hochmut ist die Sünde der Könner -

denn Hochmut zeigt nicht unsere Schwäche, sondern der Hochmut schleicht sich da ein, wo einer wirklich begabt ist oder fleißig oder reich oder tüchtig.

 

Entscheidend für Naaman war nicht sein Stand, sein Reichtum und seine Würde, entscheidend war nicht mal sein Glaube -entscheidend war nur Gottes Wille. Und Gott hilft auch genau so, wie er das für richtig hält, und nicht immer so, wie wir uns das vorstellen.

 

Sie kennen den albernen Witz von dem frommen Mann, der vor seinem Haus steht; die Flammen schlagen lodernd aus allen Fenstern, der Rauch steigt in dicken Qualmwolken in den Himmel, und mit Blaulicht naht sich die Feuerwehr. Aber der Fromme wedelt abwehrend mit den Händen, fahrt weiter! ruft er, ich bete, und der Herr wird mir helfen!

 

Er sinkt auf die Knie und hebt die Hände zum Himmel,

knackend stieben die Funken, die Feuerwehr kommt zurück und der Mann will immer noch keine Löschaktion: Fahrt weiter! Ich bete! Und der Herr wird mir helfen.

 

Achselzuckend gibt der Löschzugführer Gas, hinter dem knienden Mann bricht krachend der Dachstuhl zusammen, ein Balken kippt auf den betenden Frommen, erschlägt ihn, und ehe er sich es versieht, steht er vor dem Herrgott und hadert:

 

Warum hast du mein Haus in Flammen aufgehen lassen?

Ich war voller Gottvertrauen und habe so viel gebetet!

 

Und Gott selber rauft sich die Haare und ruft verzweifelt, Mann, gib mir doch eine Chance! Ich hab dir drei Mal die Feuerwehr geschickt!

Und der Friede Gottes...

 
1 Korinther 1, 26-31 von Thomas Lotz PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, den 11. Januar 2012 um 09:30 Uhr

 

Predigt über 1 Kor 1, 26-31

Laudatekirche Garching
08.01.2012 1. Sonntag nach Epiphanias

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

 

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,

29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,

31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Liebe Gemeinde!

Warum sind wir Christen? Warum eigentlich? Das ist eine komische Frage; wir merken gleich beim ersten Hören, wie diese Frage sich irgendwie schwierig anfühlt. Warum sind wir Christen?

Es gibt ein paar einfache Antworten, die aber offenkundig zu schlicht sind: Man könnte sagen, ich bin Christ, weil ich getauft bin. Warum bin ich getauft? Weil meine Eltern das nach meiner Geburt so entschieden haben und mich taufen ließen. Das ist sicher nicht ganz verkehrt, aber es fehlt da offensichtlich etwas, sonst wäre es nicht möglich, dass jemand, der als Kind getauft ist, sich später vom Christentum offen lossagen kann und dann doch kein Christ ist. Der Wille der Eltern kann also bestenfalls eine Richtung vorgeben, in die sich jemand orientiert, aber man kann nicht sagen, ich bin Christ, weil meine Eltern das so wollten.

Man könnte auch sagen: Ich bin Christ, weil ich in Europa geboren und aufgewachsen bin, einem Teil der Erde, der seit weit über 1000 Jahren vom Christentum geprägt ist und in dem es viele Jahrhunderte lang gar nichts anderes gab als Christen. Dann wäre das Christsein also eine Frage der Geographie. Aber wir wissen, dass das nicht immer so war, und dass jemand, der hier in Bayern vor 1500 Jahren geboren wurde, höchstwahrscheinlich nie ein Christ wurde, während im Mittelmeerraum das Christentum längst florierte. Und wir ahnen, dass das in ein paar Jahrzehnten auch mal wieder dahin kommen könnte, dass Mitteleuropa nicht mehr so stark christlich geprägt ist und sich das Zentrum des sichtbaren Christentums auf andere Kontinente verschiebt, etwa nach Afrika. Die Geographie macht es also auch nur mehr oder weniger wahrscheinlich, ob ich etwas vom Christentum erfahre; aber man kann nicht sagen, ich bin Christ, weil ich in München geboren oder in Hamburg aufgewachsen bin.

Warum sind wir Christen? Wir merken, wie seltsam es klingt, das an familiären oder geographischen Zufälligkeiten festmachen zu wollen. Aber woran dann? Man könnte antworten: Ich bin Christ, weil ich es so will. In der Tat gibt es eine lange Tradition, die den christlichen Glauben vor allem als eine Willenssache ansieht. Man nennt das auch „Entscheidungschristentum“, weil es davon ausgeht, dass es ganz auf meine persönliche Entscheidung ankommt, ob ich ein Christ bin oder nicht. Will ich es, so bin ich es, will ich nicht, bin und werde ich auch kein Christ.

Das Schwierige an einer solchen Sichtweise ist, dass sie allzu sehr unserem sonstigen Verhalten als Konsumenten entspricht: Täglich entscheide ich mich für das eine oder andere Produkt, die eine oder andere Dienstleistung: Das will ich haben, dieses Angebot will ich nutzen, und jenes nicht. Wenn man dieses Entscheiden als Konsument, das so fest in uns drin steckt, zu Ende denkt, dann wird die Frage „Christ oder nicht“ zu einer Frage von der Art: Milka oder RitterSport? BMW oder Audi? Mallorca oder Gardasee? Und da ist doch auch wieder etwas ganz schief.

Warum sind wir Christen? Für Paulus ist das eine ganz klare Sache: Weil Gott es so will. Das klingt erst einmal eigenartig, aber wenn man es zu Ende denkt, dann kann es gar nicht anders sein als dass der christliche Glaube von Gott gestiftet wird, dass wir von ihm dazu angestiftet werden.

Paulus selbst hatte das so erfahren: Wir kennen den Bericht von seiner Berufung auf dem Weg nach Damaskus, und wir wissen, wie sehr er diesen Wendepunkt seines Lebens als etwas von Gott Ausgelöstes empfunden hat, nicht als seine eigene Entscheidung. Er hat sich eben nicht hingesetzt, ein paar schlaue Bücher gelesen oder mit ein paar klugen Leuten geredet und sich dann entschieden, es wäre doch besser, Christ zu sein und sich taufen zu lassen – nein, Gott zwingt ihm den Glauben, den er bis dahin als gefährliche Irrlehre verfolgt hatte, förmlich auf. Er kann gar nicht anders, als dazu Ja zu sagen, er kann gar nicht anders, als sich in den Dienst als Apostel des Gekreuzigten und Auferstandenen berufen zu lassen. Zu entscheiden gibt es da nichts, es kommt einfach so auf ihn zu.

Warum sind wir Christen? Probieren wir es doch einmal mit dieser Antwort des Paulus: Weil Gott es so will. Aber warum denn ich gerade? Paulus, ok, wir wissen ja, was er für die weitere Entwicklung des jungen Christentums geleistet hat. Aber warum gerade ich? Ich Durchschnittsbürger, ich Arbeitnehmer oder Rentnerin, ich Normalkonfirmand oder Durchschnittsstudent. Weit und breit nichts Besonderes, was begründen könnte, warum Gott ausgerechnet MICH will. Wieso ich?

Diese Frage ist berechtigt, und sie ist nicht neu. Paulus hat darauf eine Antwort versucht, in seinem 1. Brief an die Jesusgemeinde in Korinth, gleich im 1. Kapitel. Da heißt es:

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,

29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,

31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Liebe Schwestern und Brüder, jetzt sind wir doch irgendwie von einem Extrem ins andere gefallen. Warum soll Gott ausgerechnet mich erwählen, berufen, ich bin doch nichts Besonderes - so hatten wir gefragt, und kriegen jetzt von Paulus gesagt: Gott sucht gar nicht nach den Starken, Mächtigen, Angesehenen, Weisen; Gott sucht nicht nach potentiellen Hochleistungschristen, sondern nach genau dem Gegenteil: Nach den Schwachen, nach den Geringen und Verachteten.

In diese Gesellschaft möchten wir aber nun auch wieder nicht gehören, da sträubt sich etwas in uns. Können wir als Christen nicht ganz normal, durchschnittlich und unauffällig sein, müssen wir uns von Paulus sozusagen an den Rand unserer Gesellschaft schreiben lassen, zu denen, die ganz klar „unten“ stehen und „out“ sind? Wer von uns will schon gerne schwach sein, machtlos und von zweifelhaftem Ansehen? Oder gar „töricht“, wie es hier heißt, also nicht so ganz hell im Kopf?

Dass Gott gerade auch die Törichten und Schwachen erwählt hat, das ist kein Selbstzweck. Es steckt auch nicht irgendeine Sozialromantik dahinter. Nein, es geht um etwas anderes: Das „Rühmen“ soll ausgeschlossen sein, also der Stolz der Starken und Erfolgreichen auf ihre Stärke und ihren Erfolg. Die haben es schwerer, Christen zu werden, weil sie ihr Ansehen und ihre Macht eben als „Ihres“ betrachten und gar nicht auf die Idee kommen, dabei an Gott zu denken. Sie stehen sich mit ihrer Weisheit und ihrer Stärke und Macht selbst im Weg. Denn in Wirklichkeit ist vor Gott ja jeder Mensch schwach und töricht. Vor Gott gibt es also gar keine Starken und Mächtigen, es gibt keine Weisen und Angesehenen. Die Frage ist nur, wer sich dessen bewußt ist, und wer nicht. Diejenigen, die etwas haben, worauf sie sich etwas einbilden können, tun sich damit schwer.

Noch einmal Paulus:

was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist…“

Liebe Gemeinde,

diese Worte verweisen direkt auf den, der die Schwachheit bewußt und freiwillig wählte: auf Jesus von Nazareth. Wir haben vorhin in der Lesung gehört, wie der Prophet Jesaja in seinen Liedern vom leidenden Gottesknecht den Gedanken entstehen läßt, dass der Retter seines Volkes nicht triumphierend und machtvoll kommen wird, sondern gerade als ein Ohnmächtiger und Verachteter, der andererseits auch selbst die Liebe Gottes zu den Menschen auf der Schattenseite des Lebens verkörpert: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ heißt es da schon bei Jesaja. Jesus Christus, wie ihn die Menschen erleben, ist genau ein solcher, der diese Option der Schwäche und der Ohnmacht verkörpert, der am Ende mit das Schlimmste erleidet, was Menschen erleiden können, um zu zeigen, dass es nichts gibt, was Gott zu abgründig und zu grausam ist, dass er auch da ist, wo Menschen ganz, ganz klein sind, am Boden zerstört und von Schmerzen gequält.

Warum sind wir Christen? Nun, sagt Paulus, wir sind es, weil an uns Schwachheit und Ohnmacht sichtbar wird, in welcher Form auch immer. Darüber kann jeder wohl am besten für sich selber nachdenken. Jedenfalls gilt: Die christliche Gemeinde ist keine Versammlung von Vorzeigemenschen, die jederzeit in einem Werbefilm für das gute und erfolgreiche Leben auftreten könnten. Durch die christliche Gemeinde zieht sich vielmehr alles an Fehlern, Schwächen, Problemen und Ratlosigkeiten hindurch, was es unter Menschen so gibt. Dass wir das wissen und uns trotzdem nicht irgendetwas ausgraben und vor uns hertragen, worauf wir doch noch ordentlich stolz sein könnten – dass wir das wissen und uns dennoch trauen, zu Gott zu kommen und seine Gemeinde zu sein, das macht es, dass wir Christen sind.

Weil Gott das Schwache und Ohnmächtige erwählt hat, gehört es dann zu unserer Berufung als Christen, dass wir uns für die Schwachen in unserer Gesellschaft einsetzen und dafür sorgen, dass ihre Würde gewahrt bleibt – weil Gott ihnen besonders nah sein will, gegen alle Maßstäbe unserer Leistungsgesellschaft, weil sie uns daran erinnern, wie schwach und machtlos der Mensch an sich ist, jeder Mensch.

Der am Kreuz, an dessen Herkunft von Gott wir glauben, ist dafür das größte Zeichen, und von ihm her wird aus unserer Schwäche am Ende doch Stärke, wird aus unserer Ohnmacht doch Macht – aber nicht unsere, sondern seine. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen in Christus Jesus, Amen.

Pfarrer Thomas Lotz, Unterschleißheim

 
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